Kürzlich kamen wir in kleiner Runde auf das Thema Feiertage zu sprechen. Sollte der 8.März, der Internationale Frauentag, nicht nur in Berlin sondern in ganz Deutschland zum Feiertag erklärt werden? Oder wäre es sinnvoll, dass bei uns zum Beispiel der Ramadan und das Pessachfest Feiertage für alle werden? In anderen Ländern ist das der Fall. In Bangladesch, wo die christliche Bevölkerung nicht einmal ein Prozent ausmacht, ist beispielsweise Weihnachten ein staatlicher Feiertag.
Meine Überlegungen gehen in eine andere Richtung. Wenn wir über neue Feiertage sprechen, dann sollten wir meiner Ansicht nach Daten wählen, die unsere Verbindung zur Erde stärken. Also nicht die Feste der großen Weltreligionen sondern die Jahreskreisfeste: Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winteranfang.
Um wirklich heimisch zu werden an einem Platz, brauchen wir Menschen neben der Beziehung zu anderen Menschen die Verbindung mit der Erde, auf der wir leben. Mit Tieren, Gewässern und mit den Pflanzen vor unserer Tür, die uns auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen begegnen. Ihrem Blühen im Frühling, ihren Früchten und ihrem Absterben im Herbst.
Die Jahreskreisfeste erinnern uns daran, dass Wachsen und Vergehen natürliche Prozesse sind. Sie unterstützen uns dabei, uns einzuschwingen in die natürlichen Kreisläufe der Erde in unseren Breitengraden.
Jahreskreisfeste
Lichtmeß, Fest der jungen Vision
Lichtmeß oder Imbolc, das Anfang Februar gefeiert wird, gehört zu den vier Mondfesten im Jahreskreislauf. Ziriah Voigt nennt es das „Fest der jungen Vision“. Die junge Mondsichel steht in diesem Jahr allerdings nicht am Himmel, wir haben am 1. Februar Vollmond.
Das sollte uns jedoch nicht davon abhalten, unsere Visionen für dieses Jahr in Worte zu fassen. Bevor sich etwas materialisiert, entsteht es auf der inneren, mentalen und/oder bildlichen Ebene. Nicht ohne Grund heißt es in der Bibel „Am Anfang war das Wort“.
Gleich ob wir diesen Vorgang allein oder mit anderen vollziehen, in Ritualform oder schlicht alltäglich, wir sollten die gestalterischen Kräfte dieser Zeit nutzen. Wobei ein Ritual, und sei es noch so klein, die Wirkung enorm erhöhen kann.
Während ich dies schreibe, keimt in mir der Gedanke, mir vorzustellen, wie Frieden in der Ukraine und in Israel/Palästina aussehen kann. Ich denke an die Menschen in den Ländern, die trotz allem zusammenarbeiten für Frieden. Zum Beispiel Palästinenser und Israelis in der Organisation „Combatants for Peace“. In meiner Vision sehe ich diese Menschen und Gruppen als Lichtpunkte, die sich ausdehnen…
P.S. Wer Anregungen für die Gestaltung der Jahreskreisfeste sucht – ich kann das Buch von Ziriah Voigt „Ritual und Tanz im Jahreskreis“ unbedingt empfehlen, erschienen im Verlag Gisela Meussling in Bonn.
Lichtmeß 2022
Vier Sonnenfeste und vier Mondfeste sind „Fest“punkte, Fixpunkte im Jahreskreislauf und wurden in alten Kulturen – und auch heute noch auf unterschiedliche Art – gefeiert. Die Sonnenfeste sind Frühlingsanfang (oder auch Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche) Sommersonnenwende, Herbstanfang (oder Herbst-Tag-und-Nachtgleiche) und die Wintersonnenwende.
Weniger bekannt sind die dazwischen liegenden Mondfeste, Lichtmeß Anfang Februar (Imbolc ist die keltische Bezeichnung), Walpurgis (Beltane) Ende April/Anfang Mai, das Kräuterweihfest (Lugnasad) im August und das Dunkelheitsfest (Allerheiligen/Allerseelen, Halloween oder keltisch Samhain) Ende Oktober/Anfang November.
Lichtmeß ist ein Fest der zunehmenden Mondsichel. So wie das Licht deutlich wahrnehmbar zunimmt, wächst auch die Mondsichel. Dieses Jahr, 2022, fällt Neumond auf den 1. Februar, kurz danach zeigt sich die schmale Sichel wieder am Abendhimmel im Westen. Das passt gut, da Lichtmeß traditionell Anfang Februar begangen wird.
Den zunehmenden Mond/die Mondin am Himmel zu suchen, kann eine Möglichkeit sein, sich auf die Energie der Jahreszeit einzuschwingen. Verbunden mit dem Wunsch, der Bitte um Erneuerung, um Reinigung und Klarheit für das, was im neuen Jahr ins Leben kommen möchte. So bietet uns die Natur selbst, der Zyklus des Jahres in unseren Breitengraden, einen spirituellen Rahmen, ohne dass man/frau sich auf eine bestimmte Religion oder Konvention beziehen muss.
Maifeste, Walpurgis, Beltane
Weder vom Wetter noch von der Stimmung und den Möglichkeiten her waren dieses Jahr rauschende Feste in den Mai angesagt. Vielleicht mag es für einige – wie für mich – tröstlich sein, zu erfahren, dass es geschichtlich vor den wilden, ausschweifenden Maikulten den asketischen Cordea-Kult gegeben haben soll.
Cordea, auch Cardea genannt, wurde im alten Rom als Göttin der Schwellen und Türgriffe verehrt. Ihre Pflanze war der Weißdorn, ihre Prinzipien Strenge, Reinheit und Schlichtheit, deren Einhaltung Wachstum und Reife verspricht. In jener Zeit sollen die Menschen zwischen Maianfang und Sommersonnenwende alte Kleidung getragen und sich durch Reinigungsriten innerlich und äußerlich auf die Sommersonnenwende vorbereitet haben.
Ovid schrieb über Cordea: „Ihre Macht ist es, zu öffnen, was geschlossen ist, zu schließen, was geöffnet ist.“
Mythen gaben (und geben) Menschen Halt und Verständnis für ihre Lebenssituation. Eigene Erfahrungen können durch die Erzählungen in einem größeren Rahmen betrachtet werden. Dadurch kann Verbundenheit entstehen, selbst wenn man/frau sich gerade isoliert und abgeschnitten vom Leben fühlt („Warum bin ich unglücklich, wenn es um mich herum grünt und blüht?“)
Die griechische und römische Mythologie kennt übrigens unzählige Götter und Göttinnen für die unterschiedlichsten Lebensmodelle. So gibt es zum Beispiel nicht nur die Heilige (Maria) und die (angebliche) Hure, ein Frauenbild, das die christliche Mythologie lange geprägt hat, sondern göttliche Vorbilder für Frauen in allen erdenklichen Situationen, von der (Erd-)Mutter Demeter bis zur Wissenschaftlerin Athene, von der Liebesgöttin Aphrodite bis zur Todesgöttin Hekate.
Wintersonnenwende an den Externsteinen
Es ist schön, die Jahreskreisfeste in Gemeinschaft zu feiern. Der Großmütterkreis der Externsteine lädt ein, am Samstag, 21.12.2019 um 13 Uhr, an den Externsteinen die Wintersonnenwende gemeinsam zu begehen. Auf einer Wiese gegenüber den so mächtig aufragenden Steinen beginnt das Treffen, mit Trommeln, Rasseln und Singen.
„Im Schutz der Bärin“, so ist die Zeremonie überschrieben. Der Bär ist eins der bekanntesten Tiere, die sich im Winter in ihre Höhlen zurückziehen und Winterschlaf halten. Sich zurückziehen, in die Höhle, ins Bett, in die Traumzeit, das ist eine der Lehren der Bärin. Sich von äußeren Aktivitäten zurückziehen, in einen passiv wirkenden, innerlich jedoch sehr aktiven, empfänglichen Zustand begeben. Im Schweigen, in der Ruhe kann plötzlich, unerwartet Klarheit auftauchen. Über das, was wichtig ist im neuen Jahr, was ins Leben kommen will, genährt werden möchte.
Diese Verbindung zur Bärenkraft kann wachsen durch die Teilnahme an dem Jahreskreisfest zum Winteranfang.
P.S. Unter www.grossmuetterkreis-der-externsteine.de findet ihr weitere Informationen.