Im Westen nichts Neues. Und im Osten?

Ich lese „Im Westen nichts Neues“, den Anti-Kriegs-Klassiker von Erich Maria Remarque aus den 20er Jahren. Er beschreibt – und verarbeitet dabei seine eigenen Erfahrungen als Soldat -, wie die erste Granate, die einschlug, ihn und seine Kameraden ins Herz traf, ihre Jugend zerstörte. Wie sie sich seitdem abgeschieden fühlten vom Leben, vom Wunsch, einen Beruf zu ergreifen, eine Familie zu gründen. Wie sie nicht mehr an ein Leben nach dem Krieg glauben konnten. Wir glauben an den Krieg, schreibt Remarque.

Und wie dann bei jedem Granateneinschlag an der Front ein Instinkt erwachte, sie ihr bisheriges Menschsein abstreiften und sie zu „Menschentieren“ wurden.

Und wie sie sich verlassen fühlten von ihren Lehrern und allen, die sie als Helden feierten, die in den Krieg zogen. Das erste Trommelfeuer zeigte uns unseren Irrtum, schreibt Remarque.

Und ich frage mich, wie es den Männern und Frauen geht, die jetzt in der Ukraine in den Krieg ziehen. Und wie sie zurückkommen werden…

Didgeridoo und Flöte

Eine Nachbarin von mir hat ein wunderschönes Didgeridoo, spielt allerdings nur selten darauf. Kürzlich fragte sie mich, ob wir einmal zusammen Musik machen wollen, sie auf dem Didgeridoo und ich auf meiner Altblockflöte. Die lag jahrelang im Regal, nur ab und zu schaute ich sie mir an, weil ich das glatte, hellbraun gemaserte Holz und die elegante Form des Instruments liebe.

Diese Flöte begleitet mich seit meiner Schulzeit gut verpackt durch verschiedenste Wohn- und Lebensräume. Jetzt endlich ist sie wieder zum Leben erweckt. Meine Nachbarin und ich setzten uns an einem der Frühlingsabende zusammen, die tiefen Töne des Didgeridoos erklangen erst zaghaft, dann bestimmter, satt und erdig. Und darüber schwangen sich glockenhell und dunkler werdend Melodien, die aus meiner Flöte hervorsprudelten. Es dämmerte, der Himmel färbte sich in einem grauen Rosa und Blau, und die Musik passte sich der Abendstimmung an.

Seitdem möchte meine Flöte jeden Morgen und jeden Abend gespielt werden, kurz nur, ein paar Töne, wenige Klangfolgen, die mit der jeweiligen Stimmung harmonieren, mal heller und mal dunkler. Einfach und schön. Einfach schön.

Auf LEBEN konzentrieren

Auf einer schamanischen Reise fragte R., was wir tun können angesichts von Krieg und Vernichtung, denn große Hilflosigkeit macht sich breit. Die Antwort war einfach und höchst komplex zugleich: auf LEBEN konzentrieren.

Ich musste daran denken, welch außergewöhnliche und vielschichtige Bedeutung LEBEN für Hyemeyohsts Storm hat, einen indianischen Medizinmann. Seine Lehrerin Estcheemah machte ihn auf seinem langen Einweihungsweg mit LEBEN vertraut. Mit der Essenz von LEBEN möchte ich es ausdrücken, um die tiefe philosophische Weltsicht in ihren einfachen Worten für uns verständlicher zu machen.

Kartoffeln, sagte Estcheemah zum Beispiel, halten uns lebendig. „Du musst eine Kartoffel wertschätzen und lernen, sie zu lieben.“ Eine banale Weisheit? Aber wie schwer ist es, in jeder Situation, zu jeder Zeit diese Weisheit zu leben. Das, was uns am Leben hält, zu achten. Gleich, ob es eine Kartoffel, ein gutes Gespräch, der Regen nach der Dürre ist.

Ich versuche, meine Aufmerksamkeit auf LEBEN zu richten. Der Himmel über dem zarten Grün der Birke vor meinem Fenster. Mein Rücken, der sich streckt nach der Arbeit am Computer, das Gefühl von Zufriedenheit, diese paar Sätze geschrieben zu haben, auch wenn sie kaum andeutungsweise den reichhaltigen Erfahrungsschatz von LEBEN wiedergeben können.

In seinem Buch „Lightningbolt“ beschreibt Hyemeyohsts Storm die Lehren von Estcheemah und seinen langen Einweihungsweg.

Lässt sich durch Reden alles klären?

Früher war ich der Ansicht, alle Unstimmigkeiten und Missverständnisse ließen sich durch ein vernünftiges Gespräch klären. Diese Vorstellung hat mittlerweile arg gelitten. Sowohl im privaten als auch im politischen Bereich spricht vieles dagegen.

Allein mit der sogenannten Vernunft kommen wir offensichtlich nicht immer weiter. Inzwischen vermute ich, dass Gespräche nur dann für alle Seiten befriedigende Lösungen bringen können, wenn auch das Herz beteiligt ist.

Aussprachen im Kreis, bei denen alle vom Herzen her sprechen. Das heißt, sich der eigenen Gefühle und Motivationen bewusst zu sein. Ein Redestab geht herum, jede/r redet oder schweigt solange er/sie braucht. Die anderen hören zu. Und wenn sie an der Reihe sind, reden sie über sich, nicht über jemand anderes. Ich bin traurig, wütend, ängstlich… Und nehme wahr, wie du dich fühlst.

Die Methode stammt von indigenen Stämmen aus Amerika. Unter dem Begriff „Council“ wird sie von Gesa und Holger Heiten im Eschwege-Institut weitergegeben. (www.eschwege-institut.de)

Anfänge, eine neue Geschichte der Menschheit

Heute muss ich von einem Buch erzählen, dass mich begeistert: Anfänge, eine neue Geschichte der Menschheit von David Graeber und David Wengrow. Ein Anthropologe und ein Archäologie widerlegen aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse die gängigen Mythen über den Ursprung der Menschheitsgeschichte. Dabei greifen die Autoren die Kommentare indigener Kritiker der europäischen Gesellschaft auf,

Mythos Nr. 1: Es gab einmal einen paradiesischen Urzustand, dann kam (aus theologischer Sicht) der Sündenfall, (aus gängiger wissenschaftlicher Sicht) die Zivilisation mit Landwirtschaft und Städtebau und das Schlechte kam in die Welt: das Patriarchat, das Militär, Bürokratie etc. (Rousseau und viele andere)

Mythos Nr. 2: Es gab gar keinen paradiesischen Urzustand, sondern der Mensch war immer schon des Menschen Wolf von Anbeginn bis in alle Ewigkeit. (Hobbes u.a.)

Mythos Nr. 3: Unsere europäische Entwicklung beruht auf den Ideen „großer Männer“, Philosophen, Staatsmänner etc.

Angefangen mit der europäischen Aufklärung legen die Autoren dar, dass viele der damals aufkommenden philosophischen Konzepte auf den Austausch mit indigenen-amerikanischen Quellen zurückzuführen sind, zum Beispiel auf den indianischen Staatsmann Kondiaronk (1649-1701). Und dass diese Konzepte/Mythen ein Versuch sind, indigene Kritik an Verhaltensweisen der Europäer, die für nordamerikanische Ureinwohner völlig unverständlich waren (Warum wetteifern die Europäer ständig gegeneinander? Warum teilen sie keine Lebensmittel? Warum sorgen sie sich nicht umeinander?) in eine für europäische Verhältnisse akzeptable Form umzumünzen. Wobei der indigene Gedanke verlorenging, dass es eine andere Gesellschaft geben kann als die bestehende.

Lest selber!

Lebensmittel retten

Krumme Gurken, Äpfel und Orangen mit kleinen Schönheitsfehlern und vieles mehr landete bislang nicht im Supermarkt sondern im Müll. Das betrifft ungefähr ein Drittel vom angebauten Obst und Gemüse! Dieser Verschwendung muss ein Ende gesetzt werden, beschlossen die Gründer des Unternehmens „we fresh“.

Mittlerweile gibt es auch bei uns im Landkreis Schaumburg Verteilerstationen von geretteten Obst- und Gemüsekisten, in Stadthagen, Rinteln, Auhagen und Obernkirchen. Ich staunte, als ich meine erste 5kg- Single-Kiste für 8,50 Euro abholte. In der Kiste fand ich: 2 große Äpfel, 2 große Birnen, 2 große Paprika, 5 Kiwis, 9 Mandarinen, 1 Schale Erdbeeren, 4 krumme Gurken, 2 kleine Salate, 2 Zitronen, 1 Avocado, 1 Chicoree, 2 große Möhren und eine Schale Cocktailtomaten.

Für mich ist es jedes Mal wieder eine Überraschung, zu sehen, was ich diesmal in der Kiste vorfinde. Da ist Flexibilität gefragt, auch Gemüse oder Obst, was sonst nicht auf dem Speisezettel steht, kann darunter sein. Es gibt auch die Möglichkeit, Biokisten zu bestellen oder ganz individuell Gemüse und Obst auszusuchen, was natürlich mehr kostet. Schau doch selber einmal unter „we fresh“ im Internet nach, was es für Angebote gibt und ob ein Verteilerstandort in deiner Nähe ist!

Die Stimme

„Stell dir deinen Rücken gerade vor“, wie oft habe ich diesen Satz von meiner Yogalehrerin bei einer bestimmten Übung gehört. Jedes Mal wieder erinnert sie uns daran, dass man/frau ja auch gerade sitzen kann, Kopf hoch, Schultern tief.

Neulich saß ich beim Mittagessen und plötzlich hatte ich die Stimme von B. im Kopf „Stell dir deinen Rücken gerade vor“. Eine sinnvolle Erinnerung – manchmal sind diese inneren Stimmen doch hilfreich. Wenn es nicht gerade Stimmen aus der Kindheit sind, die uns davon abhalten, unseren Weg zu gehen. („Jungen weinen nicht, Mädchen lachen nicht so laut…“)

Arbeit mit inneren Stimmen spielt heutzutage in manchen Psychotherapien eine Rolle. Kaum jemand weiß, dass schon lange vor Erfindung der modernen Psychotherapie indianische Heilkundige damit gearbeitet haben. Als in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die Ältesten nordamerikanischer indigener Stämme beschlossen, auch Wissen an Weiße weiterzugeben, begannen sich im Westen der USA, besonders in Kalifornien, neue Therapieformen zu entwickeln, deren Ursprung auf indianischem Heilwissen beruht.

Moon Deer, die Älteste des Bärenstamms spricht

„Wir sind mitten in den Erdveränderungen,“ beginnt Moon Deer, eine der Ältesten des Bärenstamms. Was auch in diesen schwierigen Zeiten nicht hilfreich ist, ist Angst. „Wenn bei mir Angst aufkommt,“ erzählt die weise Frau, „dann danke ich ihr, versichere ihr, dass sie meine Aufmerksamkeit hat und sage: jetzt geh!“

Angst blockiert alles. In Angst bewege ich mich nicht selbständig, bin nicht in meiner ureigenen Energie – und das braucht unser Planet. Er braucht es, dass wir uns alle mit unseren besonderen Gaben und unserer Energie präsent und wach auf dieser Erde bewegen.

Und wenn das Rad im Kopf sich dreht und dreht, dann ist es an der Zeit, der Erde zuzuhören. „Unsere Mutter Erde“, sagt Moon Deer, „ und alle unsere Verwandten, die Bäume, Steine, das Wasser sind so bereit, mit uns in Kontakt zu gehen. Nimm dir Zeit für Stille, Zeit, ihnen zuzuhören.“ Das erfordert den Mut, Antworten nicht über den Verstand zu suchen. Solange wir bereit sind, Fragen zu stellen, wird die Natur antworten, ermuntert Moon Deer. Das ist ihre jahrzehntelange Erfahrung, ihre Richtschnur in schweren Zeiten.

Die Älteste des Bärenstamms erzählt auch von einigen der vielen kreativen Möglichkeiten, die Menschen in der Ukraine zu unterstützen. Mit dem Bereitstellen von Unterkünften, Gebeten, Energie. Es gibt keine Hierarchie der Taten, sagt sie, alles hilft, um das Rad zu drehen. Die größte Herausforderung ist es jedoch, sich selber in Balance zu bringen.

Friedenstauben

Noch bevor der Krieg in der Ukraine ausbrach, rief mich meine frühere Russischlehrerin aufgeregt an. Wir müssen etwas tun, wiederholte sie immer wieder. Und sie ging los, zum Pastor, zu einer Lehrerin und bat alle, mit den Kindern Friedenstauben zu basteln und zu verteilen. In Briefkästen, an Büschen und Bäumen, überall.

Ein paar Tage später bekam ich von einer Freundin aus dem Harz ein Foto von einem Busch vor ihrem Haus, an dem gelbe und blaue Friedenstauben im Wind tanzten. Wir hatten nicht zusammen gesprochen – gute Ideen verbreiten sich auch ohne Worte.

Inzwischen gibt es auch vor meiner Haustür Friedenstauben.

 

Über Einzelgänger und Gemeinschaften im Garten

Ich unterhielt mich mit einer Nachbarin im Garten, als sie plötzlich sagte: „Warum schneidest du den Busch dort nicht frei, der kommt ja gar nicht richtig zur Geltung.“ „Welchen Busch meinst du?“ fragte ich zurück. Was ich sah, war eine Gruppe von Forsythien, Kornelkirschen, Ilex und anderen Sträuchern an einer Böschung, die in ihrer Kombination ein – in meinen Augen – wunderschön wildes Ensemble ergeben.

„Kommt gar nicht in Frage, irgendetwas an diesem Stückchen Land zu ändern, das wirkt als Ganzes,“ sagte ich. Unsere Freundschaft trägt über solch unterschiedliche Ansichten hinweg. Ich wunderte mich jedoch noch tagelang darüber, wie unterschiedlich die Sichtweisen sein können. Die Nachbarin blickte auf einen einzelnen Busch, ich hatte nur Augen für die Gesamtheit der Pflanzen.

Was ist ein einzelner Strauch gegen eine Gemeinschaft, dachte ich. Doch ich musste mir eingestehen, dass es manchmal auch wichtig sein kann, ein Gewächs separat aufzuziehen. Rosen zum Beispiel wachsen meiner Beobachtung nach lieber für sich, abgesehen von den Kletterrosen, die sich in die Bäume ranken. Mir tun diese getrennt von anderen lebenden Pflanzen immer ein bisschen leid, und ich lasse unter ihnen so manches Kräutlein gedeihen.