Urgroßmutter Anna und ich

Gestern machte ich eine Entdeckung. Angeregt durch ein Buch über das frühere Ostpreußen, heutige Polen, begab ich mich auf eine Entdeckungsreise zu den Vorfahren meines Vaters. Diesem Zweig der Familie fühlte ich mich bislang wenig verbunden. Im Vordergrund hatte für immer die Familiengeschichte meiner Mutter gestanden, die einige spektakuläre Ereignisse aufzuweisen hat.

Fasziniert las ich jetzt Schilderungen der Menschen und der wunderbaren Landschaft im Osten, grüne Hügel, große und kleine Seen. Langsam beginne ich, die tiefe Verbundenheit meines Vaters mit seiner alten Heimat zu verstehen. Und als ich in einer sorgfältig angelegten Familienchronik blätterte, sprang mir das Foto einer Frau ins Auge, von der ich noch nie gehört hatte: Anna Seidel, meine Urgroßmutter. Eine Frau vom Land.

Überraschend für mich zeigt das Bild ein feines, ovales Gesicht mit hoher Stirn, gerader Nase und klaren Augen. Ihre drei Ehemänner starben früh, fünf Kinder bekam sie, die überlebten. Der Blick meiner Urgroßmutter wirkt auf liebevolle Art streng, wie der Blick eines Menschen, der durch viele gute und schwere Erfahrungen Verständnis für das Leben entwickelt hat. Wenn ich sie anschaue, habe ich ein Gefühl, als ob sie in die Zukunft schaut und mich durch Raum und Zeit hinweg sehen kann.

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