Über Leben und Tod

Meine Lieblingstante und ich sitzen in einem Strandkorb im Garten des Seniorenheims, in das sie vor einiger Zeit gezogen ist. Vor uns schaukeln Segelboote auf der Trave und Möwen ziehen kreischend ihre Bahn am blauen Himmel. Wir haben uns lange nicht gesehen, der Lockdown hat es verhindert, die lange Anreise.

Nachdem wir über dies und das geplaudert haben, sagt die 90Jährige, nach Worten ringend: „Ich weiß nicht, ob ich in meinem Leben den Menschen, die mir nahestanden…“, sie sucht nach dem passenden Begriff und fährt schließlich fort, „…genug über Leben und Tod… beigebracht habe.“

Ich weiß nicht, ob es genau diese Worte sind, nach denen sie, schon leicht derment, sucht, aber ich merke, dass es dieser Gedanke ist, der sie stark beschäftigt. Mir kommen die Tränen, denn sie ist diejenige, die mir ganz viel über Leben vermittelt hat. Ich bin in einer sehr strengen Familie aufgewachsen, und meine Lieblingstante brachte bei jedem ihrer häufigen Besuche, Leben und Leichtigkeit ins Haus.

Das sage ich ihr und erzähle weiter, an was ich mich erinnere: an ihre amüsanten Geschichten aus der Zeitungsredaktion, wo sie arbeitete, an die ersten Veilchen im Frühjahr und die Pilze im Herbst, die sie mir zeigte, und an den köstlichsten Gurkensalat der Welt, den nur sie so zubereiten konnte.

Auch wenn viele Jahre vergangen sind, in denen wir wenig Kontakt hatten, gehen wir beide gestärkt von der emotionalen Nähe, die sich wieder eingestellt hat, aus der Begegnung hervor.

 

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