Brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht

Heute Morgen im Wald, in den Bückebergen, blieb ich vor einer Fichte stehen und bemerkte, wie sich mein Rücken angesichts des geraden, hohen Baumes straffte. Auch ich stand plötzlich aufrecht da wie der Baum. Als mir wenig später eine Buche auffiel, die wie im Tanze ihre Zweige wiegte, begann mein Körper, sich leicht zu bewegen. Wie wunderbar die Bäume in ihrer Unterschiedlichkeit sind!

„Einsam und frei wie ein Baum, brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht“, diese Worte von Nazim Hikmet gingen mir durch den Sinn. Wobei ich „brüderlich“ gerne durch „geschwisterlich“ ersetze. Aber gleich ob brüderlich, schwesterlich oder geschwisterlich, ich spürte bei diesem Weg durch den Wald die Gemeinschaft der Bäume, Moose, Farne, aller Pflanzen und Tiere, die die Lebensgemeinschaft Wald bilden und sich gegenseitig unterstützen, jedes einzelne Wesen mit seiner besonderen Eigenart.

Es tat mir gut, diese Gemeinschaft zu spüren, gerade in der Zeit des Lockdowns, der Kontaktsperren, in der wir Menschen unsere menschliche Gemeinschaft nur begrenzt unmittelbar, körperlich erleben können. Familie, eine Freundin, ein Freund, das reicht nicht aus, in uns Menschen wohnt die Sehnsucht, auch Teil größerer Gemeinschaften zu sein, und das nicht nur im Internet. Im Wald können wir uns auch als menschliche Lebewesen als Glied einer größeren Gemeinschaft erfahren, auch wir sind wie die Pflanzen und Tiere ein Teil der Natur.

Eine Medizinwanderung

Gestern habe ich im Harz eine Medizinwanderung gemacht. Zu viert haben wir uns bei Sonnenaufgang zu einer Tasse Tee getroffen und in einer Runde geteilt, vor welchen Herausforderungen wir derzeit im Leben stehen. Bevor wir draußen eine Schwelle überschritten, räucherten wir uns mit Salbei, um alles abzustreifen, was wir auf diesem Gang in die Natur hinter uns lassen wollten.

Die Schwelle aus Ästen symbolisiert einen Übergang auf eine andere Ebene, den Schritt in eine Dimension, in der alles, was dir begegnet, ein Spiegel ist. Ich traf zuerst auf die Fülle des Lebens, eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, ältere Menschen, Kühe, Pferde, Hunde und Bäume und Büsche in allen Farben des Herbstes, gelbgrüne Birken, roten Ahorn, goldbraune Pappeln. Über dem Brocken war ein Stück hellblauer Himmel zu sehen, während es mich über eine weite, gemähte Wiese zog. Ich fühlte mich wie ein Kind, auf das hinter jeder Ecke ein neues Abenteuer wartet. Ein seltsam geformter Baum, ein ausgetrocknetes Bachbett, Reste der ehemaligen Grenzbefestigung, denn ich bewegte mich entlang des Grünen Bandes, der früheren Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland.

Irgendwann ließ ich mich am Waldrand unter den weit herabhängenden Ästen einer Tanne nieder. Da weckte ein Vogelschwarm meine Aufmerksamkeit. Keine V-förmige Formation, wie ich sie von Gänsen und Kranichen kenne, sondern fast wie tanzend, hüpfend schwirrten die kleinen Vögel gemeinsam durch die Luft, ohne dass eine Ordnung erkennbar gewesen wäre, mal diesem, mal jenem ihrer Gefährten näher.

Diese Beobachtung ließ mich an meine Art denken, mich mit Menschen verbunden zu fühlen. Gemeinsam und doch frei, in Bewegung, mal in gemeinsamer Schwingung mit diesen, mal mit jenen, aber immer Teil einer großen Bewegung, eines Schwarms.

Es gab weitere Erlebnisse, Erkenntnisse auf dieser Wanderung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, bergauf und bergab, wie im Leben. Abends setzten wir uns wieder zu viert zusammen und teilten miteinander, was uns an diesem Herbsttag – äußerlich und innerlich – begegnet war.

P.S. Mehr über Medizinwanderungen – medicin walks – ist im Internet zu finden!