Die Kinder einer Freundin wünschen sich zum Geburtstag Kasperlepuppen oder, noch lieber, Märchenpuppen. Mein Besuch in einem großen Spielwarengeschäft war enttäuschend. Weder Kasperle- noch Märchenpuppen waren zu finden. Stattdessen samtige Tier- und Phantasiewesen zu hohen Preisen. Kasper und Co. sind verschwunden.
Ich frage mich, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Der lustige, schlaue Kasper, die liebe Gretel und der böse Räuber – vielleicht können wir auf diese Stereotypen wirklich verzichten. Im 18. und 19. Jahrhundert bot das Kaspertheater ein Ventil für Kritik an der Obrigkeit und gesellschaftlichen Zwängen. Im 20. Jahrhundert wurde es dann auch politisch eingesetzt, um zum Beispiel der Kriegsunlust von Teilen der Bevölkerung im ersten Weltkrieg entgegen zu wirken. Auch die Nationalsozialisten nutzten das Kaspertheater für ihre Propaganda.
Was für Typen wir heute benötigen, kann ich nicht sagen. Vielleicht hat sich in der Szene ja schon einiges entwickelt, das mir nicht bekannt ist. Die Figur, die ich jedoch wirklich vermisse und die meiner Ansicht nach auch heute noch gebraucht wird, ist die Großmutter. Dieser Archetyp einer weisen alten Frau sollte nicht mit dem Kasperletheater untergehen.